Die Istaufnahme - Wie kriege ich die
Informationen,
die ich brauche?
Zusammenfassung
Definition Istaufnahme
Wann ist eine Istaufnahme notwendig?
Was ist im Rahmen einer Istaufnahme
aufzunehmen?
Wer wird
befragt?
Methoden der Istaufnahme
Reihenfolge der Istaufnahme - Was
wird zuerst aufgenommen?
Tücken der Istaufnahme - bewegte
Ziele
Exkurs - kleine Katastrophen bei der
Istaufnahme
vgl. auch Anforderungsanalyse, Entstehung eines
Anforderungsdokuments und Inhalt eines
Anforderungsdokument
google zu Istaufname, Istanalyse oder
Istzustandsanalyse
Zusammenfassung
Auf dieser Seite werden die wesentlichen Maßnahmen dargestellt,
die im Rahmen einer Istaufnahme für ein IT-Projekt notwendig sind.
Dabei wird auf die typischen Situationen üblicher Umgebungen in
Fachabteilungen eingegangen, insbesondere auf vorhandene
Mischlösungen (Fachanwender arbeitet mit selbst geschriebenen
Office-Lösungen) und die Frage, weshalb es u.U. unbezahlbar sein
kann, rein manuelle oder Mischlösungen in einem IT-System komplett
abzubilden. Situationsabhängige Informationsquellen und der Umgang
mit bewegten Zielen werden angsprochen. Die Methodiken (z.B. Interview
oder Workshop) finden sich im Abschnitt Benutzerkontakt.
Definition Istaufnahme
Die Istaufnahme beschäftigt sich mit dem vorhandenen Zustand
eines Prozesses, bzw. auch einer Organisation oder eines Systems. Bei
einer Istaufnahme nimmt man das auf, was gegeben und vorhanden ist. Nicht das, was war, und
auch nicht das, was jemand will oder was mal sein soll oder was sich
jemand vorstellt. Im Rahmen der
Istaufnahme wird der gesamte Prozess, wie er stattfindet, samt
eingehenden
Informationen (oder allgemein Dingen) sowie samt erzeugten und
ausgehende
Ergebnissen dokumentiert. Dazu kommen fallabhängig noch andere
wesentlich erscheinende Angaben, z.B. Häufigkeit und Frequenz des
Vorgangs oder typische Fehlerquellen oder Risiken, die aus fehlerhaften
Ergebnissen resultieren.
Ein guter Vergleich aus dem täglichen Leben ist ein Kochrezept in
dem die Zutaten und Arbeitsschritte vom Rohmaterial bis zum fertigen
Gericht im Detail dargestellt werden. Das Ergebnis kann durch ein Foto
und eine Beschreibung ebenfalls dargestellt werden.
Alternative Bezeichnungen für die Istaufnahme sind auch Istanalyse
und Istzustandsanalyse.
Wann ist eine Istaufnahme notwendig?
Eine Istaufnahme ist immer dann notwendig, wenn ein bereits
existierendes Verfahren durch ein neues ersetzt werden
soll. In diesem Fall ist die Istaufnahme die Vorstufe oder Teil der Anforderungsanalyse. Eine Istaufnahme
ist nicht nötig und auch nicht
möglich, wenn ein neues und noch nicht existierendes Verfahren
erfunden und implementiert werden soll.
Dabei ist es gleichgültig, ob das
existierende Verfahren rein manuell, ein vorhandenes IT-System
oder eine Mischform ist.
Außerhalb der Software-Entwicklung (z.B. beim
Rechenzentrumsbetrieb) werden Istaufnahmen i.d.R. dann notwendig, wenn
vorhandene Prozesse nicht ausreichend dokumentiert oder nicht mehr
nachvollziehbar sind und überarbeitet werden sollen.
Was ist im Rahmen einer
Istaufnahme aufzunehmen?
Vorhandene IT-Systeme
Für vorhandene Prozesse gilt das EVA-Prinzip
genau so wie für geplante Systeme. Folglich sind alle
Datenquellen, Datensenken und Arbeitsabläufe zu sichten. In
professionellen Organisationen mit einem funktionierenden
Release-Management kann man erwarten, dass Dokumentationen vorhanden
sind. Deren Vollständigkeit und Lesbarkeit ist
jedoch eine andere Frage. Mindestens findet man i.d.R. technische
Schnittstellenbeschreibungen zu anderen Systemen und grobe
Tabellen-Beschreibungen von relationalen Datenbanksystemen, evtl. auch
noch die Beschreibung
von Datenbankprozeduren. Diese eher technischen Dokumente sind
von Technikern geschrieben, und die haben meist keine literarischen und
auch keine fachlichen Ambitionen. Ich will damit sagen, dass
sich diese Dokumente weder gut lesen, noch dass sie auf die fachlichen
Hintergründe oder das zu Stande kommen der Daten hinweisen.
Dafür sind sie kurz und knapp, wenn sie aktuell sind, sind sie
auch vollständig, und sie geben eine klare Richtung vor. Man
kann sie als Anlage zur Fachspezifikation anfügen,
tatsächlich gebraucht werden sie später von den Datenbank-
und Softwaredesignern. Ob man diese Dokumente mit dem Fachanwender
diskutieren will oder
sie ihm nur zeigen will, hängt sehr vom Einzelfall ab. Wenn der
Fachanwender keinerlei IT-Kompetenz hat und darüber hinaus noch
sehr lösungsfixiert ist, ohne sich um das gegebenen Problem
kümmern zu wollen, kann man davon absehen.
Es lohnt sich auf jeden Fall, ein aktuelles ERM (Entity Relationship
Model) erzeugen zu lassen und gegen die vorhandene alten Dokumentation
abzugleichen. Als Faustregel kann gelten: Wenn das ERM mit der
Altdokumentation überein stimmt, hat man gute Karten. Entweder
wurde über die Jahre nichts geändert, oder die Dokumentation
wurde auf dem neuesten Stand
gehalten. Der DB-Admin weiß das. Wahrscheinlich ist auch noch
eine alte Spezifikation zu kriegen, ziemlich sicher ein high level
Design-Dokument.
Die nächste Frage ist dann, ob laufende Änderungen auch
dokumentiert wurden. Die Erfahrung zeigt, dass dies nicht immer der
Fall ist. Zwar mag die Version 1.0 eines Produkts vollständig
spezifiziert worden sein, ein Blick in die alten
Benutzerhandbücher zeigt jedoch nicht
selten, dass bereits in der ersten Version funktionale Abweichungen von
der Spezifikation umgesetzt wurden. Das liegt daran, dass
während der Entwicklung festgestellt wird, dass die Spezifikation
nicht vollständig war. Änderungen werden dann ad hoc
eingebracht und gar nicht oder im Rahmen eines change request
dokumentiert. Somit ist klar, wo man als nächstes suchen muss:
Irgendwo, meist in einem verstaubten Ordner, sind die frühen
change requests zu finden.
Unbedingt angezeigt ist ein Besuch beim Fachanwender. Fachanwender
finden sich nicht selten in der Situation, dass sie irgendwie
Informationen in ein IT-System hinein bringen müssen, die
Verwaltung dieser Information aber nicht möglich ist. Sie
definieren dann eigenmächtig einen Workaround, mit dem sie leben
können und der nicht an die IT-Abteilung kommuniziert wird.
Solche Informationen sind nirgendwo oder bestenfalls zufällig
dokumentiert und fallen nur dann auf, wenn sie nachfolgende
Prozessabläufe stören. Erfahrungsgemäß beginnt der
stillschweigende Missbrauch
eines Systems bereits wenige Wochen nach der Einführung. Eine
Datennachanalyse kann also angezeigt sein, wobei besondere Anomalien in
der statistischen Verteilung verdächtiger Daten, vorwiegend
Pflichteingaben, gesucht werden sollten.
Beispiel aus der Praxis
Gerne zitiertes Beispiel, das im Rahmen der Y2K-Projekte mehrfach
entdeckt wurde, ist der freizügige Gebrauch von
Datumsfeldern. Eine Applikation, die als Pflichteingabe an einer
bestimmten Stelle ein Tagesdatum (z.B. Geburtsdatum) verlangt, wird
auch eines kriegen, auch wenn der Anwender keines hat. Damals war
das Datum 9.9.99 als Füller oder Platzhalter sehr populär.
Gewachsenes
IT-System / Mischungen mit manuellen Prozessen / halbautomatische
Prozesse
Rein manuelle Systeme existieren heutzutage kaum noch, da verschiedene
Office-Lösungen Tabellen-Kalkulations-Systeme oder kleine
Datenbanken inkludiert haben, die vom Anwender selbst zum Bau von
Lösungen benutzt werden können.
Kaum ein Anwender ist sich dabei jedoch darüber im Klaren, dass er
selbst Software entwickelt. Die Konsequenzen sind häufig
bitter: Da nicht erkannt wird, dass Software entwickelt wird, werden
auch minimale Qualitätsstandards nicht eigehalten. Weder wurden
die Anforderungen spezifiziert (sie ergeben sich aus den
Arbeitsabläufen), noch wird die Lösung dokumentiert (der
Anwender hat alles im Kopf), noch einem strukturierten Test unterzogen
(man probiert es in der Produktivumgebung aus), noch gibt es irgendeine
Form der Versionskontrolle (meist läuft nur die aktuelle Version
in mehreren Instanzen bei verschiedenen Anwendern, der Code wird
fortwährend weiter entwickelt). Die Anwendungen sind i.d.R. auch
nicht sicher sondern anfällig gegen Fehlbedienungen, sodass
gravierend falsche Ergebnisse geliefert werden können;
gelegentlich eine kostspielige Angelegenheit. Da die Anwender jedoch um
die Schwächen des Systems wissen, passiert selten etwas und die
Systemschwächen fallen kaum auf. Die Software lebt und stirbt mit
der Verfügbarkeit des Anwenders. Verlässt der Anwender das
Unternehmen, so stirbt die Software-Lösung, die u.U. über
Jahre hinweg gewachsen ist. Zudem gibt es häufig noch
Interaktionen mit anderen IT-Systemen, die nicht kontrolliert werden.
Beispiel aus der Praxis
In einem Großunternehmen hatte ein Anwender
mit MS Excel und MS Access eine mehrschrittige Lösung im
Laufe von ca. zwei Jahren aufgebaut, die notwendig war, um die
anfallenden Geschäfte zu bewältigen. Über eine
Programmierschnittstelle interagierte ein Teil dieser Lösung mit
einer Host-Anwendung, indem sie Bildschirminhalte auslas und
Tastatureingaben simulierte. Ein anderer Teil dieser Lösung
interagierte mit einer speziellen gekauften Client-Software, die
eine Datenschnittstelle anbot. Dazwischen mussten mehrere manuelle
Arbeitsschritte erfolgen wie z.B. das Aushaken von Belegen gegen
eine Kontrollliste. Da die Lösung nicht dokumentiert war, wusste
das Pflegeteam der Host-Anwendung nicht, welche Bildschirmmasken es
ohne weiteres verändern durfte und welche nicht. Änderte sich
die Client-Software, so war nicht nachvollziehbar, ob die
Datenschnittstelle noch stimmte. Ad hoc-Anpassungen waren an der
Tagesordnung. Ein besonderes Risiko lag darin, dass der Prozess relativ
zeitkritisch war und i.d.R. mehrfach pro Stunde abgearbeitet werden
musste, und dass dabei erhebliche Geldsummen im Spiel waren. - Die
Nachdokumentation wurde von einem externen Mitarbeiter binnen zwei
Wochen erledigt, wobei erstmals nachvollziehbar die betroffenen
Host-Programme und die Geschäftsabläufe dargestellt wurden.
Man sollte hierbei nicht verkennen, dass solche Lösungen von
engagierten Mitarbeitern gebaut
werden und in vielen Organisationen unumgänglich sind,
da sonst der normale Geschäftsbetrieb zusammenbrechen würde.
Aus diesem Grund werden solche Lösungen von der IT-Abteilung
meist stillschweigend geduldet und vor dem Qualitätsmanagement
verschwiegen. Für einen Business Analysten, der über
solche Lösungen stolpert, bedeutet dies, dass er sich mit
Belehrungen über QM zurückhalten sollte, damit das
Engagement des Mitarbeiters am Ende nicht bestraft wird. Vielmehr kann
angestrebt werden, dass die Lösung in den QM-Prozess integriert
wird, was jedoch bei sehr großen und starren Organisationen
häufig ein aussichtsloses Unterfangen ist.
Solche gewachsenen Systeme sind sehr typisch für kleine
Unternehmen, in denen noch fast jeder jeden kennt. Man findet sie
ebenfalls häufig in Großunternehmen, dort aber nur in
relativ kleinen Abteilungen mit höchstens zwei Dutzend Leuten.
Für die Abbildung in ein neues IT-System gelten bzgl. der
Machbarkeit dieselben Überlegungen wie bei den im nächsten
Abschnitt besprochenen rein manuellen Lösungen: es gibt
möglicherweise sehr gute Gründe, weshalb es bislang noch
keine saubere IT-Lösung
gibt, es ist nicht auszuschließen, dass eine saubere Lösung
sehr teuer oder unbezahlbar ist.
Die Istaufnahme von gewachsenen IT-Lösungen und deren Verquickung
mit manuellen Arbeitsprozessen wird
i.d.R. auf Basis von Interviews
mit dem Anwender, der die Lösung gebaut hat, stattfinden. Dies
geschieht am besten in oder in der Nähe der gewohnten
Arbeitsumgebung des Anwenders, wobei die Lösung teilweise
vorgeführt wird. Dazu werden Code-Walkthroughs und
selbstständige Code-Analysen durch den Business Analysten
notwendig werden. Die technischen Lösungen müssen also
zunächst dokumentiert werden. Ein reiner Fach-Mann bzw. eine reine
Fach-Frau ohne fundierte IT-Kenntnisse hat hier in der Rolle des
Business Analysten schlechte Karten. Um nun den kompletten
Geschäftsprozess zu erarbeiten, ist der einfachste Weg so gut wie
immer das Beobachten
des Fachanwenders bei der Arbeit, bei dem die manuellen
Arbeitsschritte nachvollzogen und dokumentiert werden. Die Eingaben und
das Wissen des Fachanwenders kann hier im weiteren Sinne als
Datenquelle definiert werden.
Anders gelagert ist die Istaufnahme, wenn der verantwortlichen Anwender
nicht mehr verfügbar ist. In diesem Fall setzt meist ein anderer
Anwender die Arbeit seines Vorgängers fort, der alte Kollege ist
noch telefonisch erreichbar, und der Business Analyst wurde genau aus
diesem Grund angefordert. Zunächst sollte man sehen, wie weit man
mit dem Nachfolger kommt. Sofern es sich einrichten läßt,
kann man selbst Kontakt mit dem Vorgänger aufnehmen und evtl. ein
informelles Treffen vereinbaren.
Die manuellen Prozesse, die den automatisierten Teillösungen zu
Grunde
lagen, kennt der Nachfolger häufig nicht mehr. Der Analytiker muss
sich also bei allen Anwendern, die das Produkt benutzen, durchfragen;
hier kann auch ein Workshop
sinnvoll sein.
Manuelle Prozesse
Rein manuelle Prozesse kommen heute nur noch selten vor. Man findet sie
noch häufig im öffentlichen Dienst oder vergleichbaren
Strukturen, allerdings auch in Marketing- und Vertriebsabteilungen. Im
öffentlichen Dienst finden
sich immerhin Vollzugsvorschriften und Gesetze, die sagen, was
zu tun ist. Der Arbeitsablauf, also das Wie, ist den
Mitarbeitern der Behörden überlassen. Als Auftraggeber sollte
man
ich keinen Illusionen hingeben: Bei komplexen Abläufen wird
es lange dauern und teuer werden.
Komplexe rein manuelle Prozesse zeichnen
sich i.d.R. durch mehrere der folgenden Punkte aus:
- Der PC wird nur für Schreibarbeiten genutzt.
- Die Prozesse sind kaum oder nicht dokumentiert.
- Wissen wird von Mitarbeiter zu Mitarbeiter vererbt.
- Dem einzelnen Mitarbeiter ist relativ hohe Entscheidungskompetenz
überlassen.
- Kein Mitarbeiter kennt alle Prozesse.
- Die Organisation ist streng hierarchisch, die Mitarbeiter in der
untersten Ebene sind meist schlecht qualifiziert, i.d.R. jedenfalls
ohne Hochschulausbildung.
- Die Vorgaben bzw. Anforderungen ändern sich
regelmäßig, und zwar
schneller, als das gewünschte
IT-System implementiert werden kann.
- Einige Anforderungen erscheinen willkürlich und
erfüllen keinen wirklichen Sinn, sondern befriedigen lediglich
eine formelle Vorgabe.
- Die Mitarbeiter warten mit umfangreichen
Sammlungen von
Beispielen auf und finden für jede daraus erarbeitete Regel
Gegenbeispiele.
- Die Organisation ist schon sehr alt, u.U. schon Jahrzehnte.
- Die Arbeiten fallen zyklisch an was sich in Urlaubssperren
bemerkbar macht.
- Entweder lehnen die Mitarbeiter der untersten Ebene ein
IT-System ab,
- oder sie wollen unbedingt Entlastung durch den Computer,
weigern sich aber, ihre Arbeitsabläufe zu Gunsten eines IT-Systems
zu ändern.
- Die Komplexität des Gesamtsystems ist den Anwendern nicht
bewußt.
- Es gibt bereits gescheiterte
Versuche, IT-Systeme
einzuführen.
Beispiel aus der Praxis
Der Gesetzgeber ändert seine Meinung im Hochschulbereich etwa
einmal pro Jahr. Konkret heißt dies, dass der zugehörige
Verwaltungsakt regelmäßig angepaßt werden muss.
Dasselbe gilt natürlich für ein IT-System. Darüber
hinaus behalten jedoch häufig noch die alten Regelungen weiter
Gültigkeit. Landesweit betrachtet schreibt der Gesetzgeber
zudem nur vor, was die Hochschulen zu tun haben. Wie
die Hochschulen die Vorgaben erfüllen ist ihnen selbst
überlassen. Über die Jahre hat sich also je Hochschule ein
eigener Weg etabliert, wie der Vollzug der Vorschriften stattfindet.
Typischerweise gibt es also je Hochschule einen eigenen Satz Bescheide
und die Benutzer-Rollen sind verschieden. Einige seltene
Studiengänge weisen Besonderheiten auf, die unique sind,
manche Studiengänge gibt es nur an einer einzigen Hochschule. Eine
Vereinheitlichung der Verfahren rund
um Studentenverwaltung und insbesondere bei der
Prüfungsorganisation ist also nicht machbar. Nur wenige
Hochschulen haben dank der Initiative einiger Mitarbeiter der
IT-Abteilungen eigene brauchbare Verfahren entwickelt, die jedoch von
Semester zu Semester immer wieder angepaßt werden müssen.
Eine landesweite Lösung wird seit Mitte der achtziger Jahre
angestrebt.
Im Fallbeispiel wurde in den frühen
achtziger Jahren eine Istaufnahme der Vorgänge im Prüfungsamt
einer Fachhochschule durchgeführt, für die zwei
Mitarbeiter des zuständigen Landesamtes für Statistik und
Datenverarbeitung eineinhalb Jahre beschäftigt wahren. Nur wenige
Jahre später war das erarbeitete Dokument,
ein mehrere hundert Seiten umfassender Ordner, wertlos, da eine neue
Studienordnung eingeführt wurde.
Als Faustregel gilt: Je länger eine Istaufnahme dauert, um so
zweifelhafter ist deren Erfolg, denn um so höher ist die
Wahrscheinlichkeit, dass sich das Ziel bewegt (im IT-Jargon spricht man
dabei von einem moving target). In Wirtschaft und Industrie ist
es u.U. möglich wenn auch nicht wahrscheinlich, den Auftraggeber
soweit zu kriegen, dass er für die Dauer der Entwicklung eines
Systems keine gravierenden Änderungen veranlasst, im
öffentlichen Dienst ist dies jedoch unmöglich.
Sofern der Kunde nicht einige Zeit still
halten kann, sollte er sich überlegen, ob es nicht besser
ist, das vorhandene manuelle Verfahren beizubehalten und durch
qualitätssichernde Maßnahmen zu verbessern, und dafür
die
Ausgaben für den Business Analyst und den Versuch der
Implementierung eines IT-Systems anderweitig zu verwenden. Evtl. kann
auch erwogen werden, das vorhandene System komplett zu "zerschlagen",
um es durch ein reformiertes neues zu ersetzten. Der Erfolg einer
solchen Maßnahme sollte jedoch sicher gestellt sein, ehe man
aktiv wird, und man muss sich darüber im Klaren sein, dass man bei
den Mitarbeitern der betroffenen Organisation nicht auf Gegenliebe
stossen wird. Ich spreche hier wohlgemerkt von sehr komplexen Systemen,
deren Realisierung teuer wird oder schon dem Augenscheine nach
scheitern kann oder die schon mehrere gescheiterte Versuche hinter sich
haben. Man sollte sich als Auftraggeber hier auch nicht dem Gesetz der
konsequenten Fehlinvestition hingeben, das ich einmal entdeckt
habe: Der Glaube, dass ein Geschäft oder ein System profitabel
wird, wenn man nur immer mehr Geld hinein investiert, kann ein teurer
Irrtum werden.
Dass eine Organisation ohne IT-Unterstützung arbeitet ist
spätestens seit Mitte der neunziger Jahre kein
zufälliges Ereignis. Die Frage der Abbildung eines komplexen rein
manuellen Systems in einem IT-System ist nicht, ob es möglich
ist, sondern ob es bezahlbar ist.
Bei komplexen rein manuellen Prozessen führen meist viele kleine
Schritte zum Ziel. Zunächst sollte
versucht werden, den gesamten Prozess in isolierbare Komponenten
zu zerlegen, wobei folgende Parameter gemessen werden:
- Änderungsaufwand: Der Prozess
ist wenig anfällig für Änderungen, d.h. Änderungen
können leicht umgesetzt werden.
- Änderungshäufigkeit: Änderungen treten selten auf.
Es ist absehbar oder doch wahrscheinlich, dass sich das System
während der Entwicklungszeit des Gesamtsystems nicht und
später nur selten ändert.
- Bedienungsaufwand: An den Schnittstellen ist möglichst wenig
Datenerfassungsarbeit notwendig.
Der zweite Punkt ist insofern von Bedeutung, als sonst
Entwicklerkapazitäten für Pflegearbeiten gebunden werden. Die
Komponenten, für die alle drei Parameter günstig sind, werden
vorrangig implementiert. In einem nächsten Schritt kommen dann die
Komponenten dran, die noch Punkt 1 und 3 erfüllen und erst zuletzt
der Rest.
Auf dem Weg zum Ziel kommt man um sehr intensiven Benutzerkontakt gar
nicht herum, häufig ist die direkte Mitarbeit beim
Endanwender notwendig, aber man wird den Anwender immer
wieder bei der Arbeit beobachten
müssen. Workshops
und Interviews, vor
allem mit Leuten aus der Führungsebene, die meist keine Ahnung
davon haben, was die Leute weiter unten genau machen, können zu
Beginn der Analyse sinnvoll sein, um sich einen Überblick zu
verschaffen, sind aber
nach der Einstiegsphase kein geeignetes Mittel mehr, um an
Informationen zu kommen. Dafür können später Workshops veranstaltet
werden, um die Führungsebene einerseits über die Fortschritte
der Istaufnahme auf dem Laufenden zu halten und ihnen andererseits
wieder die Arbeit ihrer Mitarbeiter näher zu bringen und
Verständnis für die Komplexität des Gesamtablaufs zu
schaffen.
Ehe ein System in einem Computer funktionieren kann, muss es auf dem
Papier funktionieren. Die Arbeitsabläufe sind also im Detail zu
dokumentieren. Ein guter Schritt kann
sein, dass man Arbeitsvorschriften für die Mitarbeiter
erarbeitet und zunächst eine Art Qualitätshandbuch schreibt,
an die sich die Mitarbeiter ausnahmslos halten. Diese
Arbeitsvorschriften werden dem einzelnen Mitarbeiter natürlich
nicht aufs Auge
gedrückt, denn zumindest in erster Näherung werden
sie falsch sein. Vielmehr wird der Analytiker mit Unterstützung
der Abteilungsleitung die Mitarbeiter bitten, diese Abläufe
nachzuvollziehen und umzuschreiben bzw. zu ergänzen, wenn
sie nicht ausreichen. Da die Vorschriften auch Schnittstellen zu
anderen Mitarbeitern und deren Arbeitsvorschriften beinhalten, bleibt
es den Leuten selbst überlassen, die Schnittstellen anzupassen.
Die Häufigkeit und der Zeitpunkt der Änderungen wird
dokumentiert und die (natürlich) ungenauen Änderungen der
Mitarbeiter werden eindeutig und korrekt umformuliert. Solange
die Anzahl der Änderungen noch steigt, sind die Beschreibungen
der zu spezifizierenden Geschäftsprozesse noch weit von der
Vollständigkeit und Korrektheit entfernt, die für die
Entwicklung
eines IT-Systems notwendig ist. Erst wenn die Häufigkeit der
Änderungen
zu sinken beginnt und eine gewisse Statik erkennbar ist, die fixiert
werden kann, ist ein Erfolg in Sicht. - Hier sind direkte Investitionen
des Business Analysten gefragt, z.B. ein Stück Kuchen je
gefundenem Fehler.
Wenn sich das Ziel bewegt, dann ändern sich die Vorgaben und somit
müssen auch die Arbeitsvorschriften angepasst werden. Auch hier
zeigt die Zahl der Änderungen auf, welche Prozesse resistent gegen
Änderungen sind, und
welche besonders anfällig. Durch diese Messung können die
oben aufgezählten Parameter Änderungsaufwand,
Änderungshäufigkeit und Bedienungsaufwand schon weit im
Vorfeld der Implementierung
eines IT-Systems abgeschätzt werden. Dies ist wesentlich für
eine langfristige Abschätzung der Wartungskosten des Systems
und auch ggf. für die Entscheidung gegen ein vollständiges
IT-System. U.U. kann auch schon die Einführung von
Teillösungen hilfreich sein.
Die Rolle des Anwenders
Prozesse und IT-Systeme existieren nicht für sich sondern sind in
eine menschliche Umgebung eingebettet. Nicht umsonst stellen sehr viele
IT-Spezialisten immer wieder ironisch fest, dass der Fachanwender nur
den Betrieb stört.
Für jeden Prozess, egal ob manuell, gemischt oder reines IT-System
, muss erfasst werden, welche Rechte, Möglichkeiten und
Entscheidungsbefugnisse der
Fachanwender hat. Man spricht dabei von der Rolle des Anwenders
("user role").
Beispiel
Bei den Finanzbehörden haben bestimmte Mitarbeiter das
Recht, Daten zur Steuererklärung eines Steuerpflichtigen zu
erfassen. Die Vorgesetzten dieser Mitarbeiter können dagegen diese
Daten nur
lesen, nicht jedoch eigenmächtig ändern.
Wer wird befragt?
Es lohnt sich nicht Leuten Fragen zu stellen, von denen man weiß,
dass sie weder die Antworten kennen
noch Leute kennen, die die Antworten kennen, noch Leute kennen,
die Leuten kennen könnten, die Antworten kennen. Übertragen
auf die bereits dargestellten Punkte,
die aufgenommen werden müssen, bedeutet dies:
Vorhandene
IT-Systeme: Erste Ansprechpartner sind der
Qualitätsmanager und der Release Manager, um an die vorhandene
Dokumentation zu
kommen. Beide wird man in kleinen Unternehmen vergeblich suchen,
aber dort kennt ohnehin jeder jeden, und in großen Unternehmen
wird man zumindest von einem Besuch beim Qualitätsmanager abraten.
Gerade bei Großunternehmen werden gerne Zuständigkeiten im
Kreise geschoben oder aus formalen Gründen boykottiert (z.B. noch
kein Projekt für das Controlling aufgesetzt; vgl. z.B.
Controlling-Paralyse bei Schwierige
Kunden, Situationen
und Menschen). Wichtig ist ein Besuch beim Fachanwender, um
festzustellen, ob er auch
die Version nutzt, deren Dokumentation man bekommen und, und ob
er die Anwendung auch so nutzt, wie sie gedacht ist.
Gewachsenes IT-System /
Mischung mit manuellen Prozessen: Erster Ansprechpartner ist der
Fachanwender, der die Lösung gebaut hat und betreut. I.d.R. kennt
er auch die manuellen Zwischenschritte.
Manuelle Prozesse: Erster
Ansprechpartner ist der Abteilungsleiter bzw. Ressortleiter. Dieser
kann aber im Normalfall nur eine Übersicht über die Prozesse
vermitteln, die Details kennt er nur in Ausnahmefällen.
Ansprechpartner für Prozessdetails sind alle Fachanwender, die die
Arbeit selbst machen.
Generell gilt, dass die Leute, die im Tagesgeschäft die Arbeit
machen, auch die notwendigen Informationen haben.
Es lohnt also i.d.R. nicht, sich mit dem Management zwei Ebenen
höher über Detailfragen auseinander setzen zu wollen.
Der direkte Umgang mit den Leuten, die die Arbeit machen, kann jedoch
bei manchen Vorgesetzten auf Widerstand stossen. Dies kann z.T. absurde
Formen annehmen, z.B. ein Verbot, mit dem Fachanwender direkt zu
kommunizieren.
Sofern sich derartige Widerstände nicht auflösen lassen,
bleibt nur der Weg über den Vorgesetzten. Der Analytiker
stellt ihm die Fragen und setzt klare Termine im Rahmen des
Projektplans.
Nur, weil jemand etwas nicht weiß, ist das noch kein Grund,
aufzugeben. Seit den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts geht
man davon aus, dass jeder Mensch jeden um sechs Ecken kennt, d.h. man
kennt jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemanden
kennt, der jemanden kennt, der die Zielperson
kennt. Man muss nur lange genug weiter fragen und sich durchfragen.
Methoden der Istaufnahme
Vgl. hierzu Benuterkontakt -
Interaktion, Kommunikation und Fragetechnik
Zur Anwendung kommen die üblichen Kommunikationstechniken, Beobachtung
des Endanwenders, Interview, Workshop und informelle
Treffen sind der Normalfall, die Mitarbeit beim Fachanwender
ist die Ausnahme.
Bei einer Istaufnahme werden im Gegensatz zur Anforderungsanalyse existierende
Prozesse untersucht und dokumentiert. Somit kann
jede Beschreibung gegen den physikalisch vorhandenen und greifbaren
Istzustand verglichen werden, ein pragmatischer Beweis für die
Korrektheit
und Vollständigkeit eines beschriebenen Prozesses ist jederzeit
möglich. Diskussionsbedarf oder Interpretationen ein und desselben
Prozesses sind nur selten gegeben und können grundsätzlich
zügig zu einem Konsens gebracht werden. Zeitlich ist die
Istaufnahme
eines vorhandenen Systems meistens schneller möglich, als die
Anforderungsanalyse
eines vergleichbaren und noch zu definierenden Systems. Die aufwendigen
Ausnahmen sind normalerweise große und alte IT-Systeme, die
über
Jahre gewachsen aber niemals dokumentiert worden sind.
Reihenfolge der Istaufnahme -
Was
wird zuerst aufgenommen?
Stepwise Refinement
Dieser neudeutsche Begriff wird innerhalb der IT vor allem im Rahmen
der strukturierten Programmierung bzw. dem Ausprogrammieren von
Methoden innerhalb eines Objekts benutzt und darf direkt ins Deutsche
als Technik der schrittweisen
Verfeinerung übertragen werden. Dabei werden zunächst
als Schritt des Software-Designs lediglich Funktionsschnittstellen und
Aufrufe geschrieben, die nach und nach ausprogrammiert werden, wenn die
vorgesehende Funktionalität als logischer Ablauf fest steht. Einer
der Vorteile des Verfahrens besteht darin, dass redundante Codeteile
frühzeitig identifiziert und zusammen gefasst werden können.
Das Verfahren lässt sich fast unverändert auf einen
Analyseprozess auch bei der Istaufnahme übertragen. So kann z.B.
der Weg vom Eingang einer Bestellung bis zum Versand zunächst nur
als ein einziger großer Prozess angesehen werden, der nach und
nach untergliedert wird und dessen irreguläre Randbedingungen
(z.B. Reklamationsbearbeitung, Rücksendung,
Bonitätsprüfung bei Neukunden) ebenfalls identifiziert
werden. Irgendwann sind schließlich die Teilprozesse soweit
dokumentiert, dass die hohe bzw. strategische Sicht klar wird und der
einzelne Prozess im Detail dargestellt werden kann.
Dies ist eine ideale Reihenfolge, denn dabei werden häufig wie
auch in der Programmierung Arbeitsschritte erkannt, die von
verschiedenen Mitarbeitern unnötig mehrfach vollzogen werden.
In der Praxis lässt sich dieses Verfahren im Gegensatz zur
Programmierung bei der Analyse nur selten strikt durchhalten. Da sich
eine Istaufnahme im Gegensatz zu einer Anforderungsanalyse
aber mit einem zumindest relativ statischen Vorgang beschäftigt
ist es nicht kritisch, wenn ein identifizierter Teilprozess
zwischendurch oder sofort im Detail dokumentiert wird, vorausgesetzt,
dass dessen Relevanz für das noch zu planende IT-System auch
sicher ist.
Teilprozesse
Teilprozesse finden nicht unabhängig von einander statt sondern in
einer im Rahmen des Gesamtprozesses definierten Reihenfolge. Am Ende
muss jeder Prozess als Teilprozess des gesamten Systems dargestellt
sein. Insofern sollte man meinen, dass sich eine natürliche
Reihenfolge für die Prozessanalyse ergibt. Diese Reihenfolge ist
jedoch praktisch kaum einzuhalten. Einerseits kennt der Analytiker zu
Beginn seiner
Analysetätigkeit noch nicht alle Prozesse, die
tatsächlich
berücksichtigt werden müssen. Andererseits ist es eine Frage
der Verfügbarkeit der zu befragenden Personen, wann ein Prozess
bearbeitet werden kann. Gelegentlich teilt sich auch ein Prozess und
hat mehrere definierte und parallel statt findende Folgeprozesse, die
nur nacheinander analysiert werden können. Wünschenswert ist
dennoch, dass die Einzelprozesse nicht als Puzzelspiel betrachtet
werden,
sondern soweit möglich ganze Prozessketten analysiert werden.
Die Ausgaben des einen Prozesses sind die Eingaben des anderen und
Schnittstellen sind einerseits stets kritsich, andererseits definierte
und statische Übergabepunkte, die als Anker oder Wegmarkierung
benutzt werden können. Der normale Fachanwender gibt proaktiv
keine vollständigen Informationen im Sinne der
IT preis, und bei der Untersuchung eines Prozesses wird die Frage nach
fehlenden Daten nicht selten mit einem "dann frage ich beim Kollegen
[aus dem Vorgängerprozess] nach" beantwortet. Bearbeitet man
Prozessketten, so ist die Analyse beim Vorgänger noch frisch in
Erinnerung. Er
tut sich leichter, die Rückfrage einzuordnen und gibt
erfahrungsgemäß noch weitere wichtige Auskünfte zu
anderen Prozessausnahmen und
-alternativen.
Wie es bei der expliziten Betrachtung eines einzelnen Prozesses
Alternativen und Ausnahmen gibt, gibt es auch Prozesse, die nicht im
Geradeausflug auftreten. Diese zu erkennen erfordern entweder
gründlichere und detailiertere Sachkenntnis als sie der
Fachanwender hat, und dies ist bei kaum einem Business Analysten der
Fall, oder gesunden Menschenverstand. Häufig hilft auch
Allgemeinbildung.
Beispiel aus der Praxis
Als ich in meinem ersten Job an der Fachhochschule München die
Studentenverwaltung auf EDV umstellte, war irgend wann die
Exmatrikulation als Prozess dran. Ich kam in meiner damaligen
Unerfahrenheit nur durch einen Zufall dahinter, dass auch der Tod eines
Studenten zur Exmatrikulation führt. Normalerweise werden bei der
Exmatrikulation Bescheid
und Unterlagen an den früheren Studenten geschickt, bei
verstorbenen Studenten wurden jedoch die nächsten Angehörigen
benachrichtigt. Diese Ausnahme bei der Anschrift hatte wiederum
Auswirkungen auf den
Bescheid. Eine andere Ausnahme war, dass die Anschriften der
erfolgreichen
Abgänger des Studiengangs Architektur an die zuständige
Kammer
weiter geleitet wurden.
Einzelprozesse
Wie bereits erwähnt folgt jeder Prozess dem EVA-Prinzip - Eingabe, Verarbeitung und
Ausgabe. Um diese Forderung zu erfüllen, muss natürlich
für eine hinreichend feine Granulierung der Teilprozesse im Rahmen
der
Geschäftsprozessanalyse gesorgt werden. Der normale Fachanwender
freundet sich mit solch einer Sicht nicht gerne an. Seine spontanen
fachlichen Interaktionen mit Kollegen oder die spontane Konsultation
anderer Datenquellen können als wechselwirkende Teilprozesse
innerhalb
eines Netzwerks verstanden werden. Die normalerweise nicht sehr
digitale
Sicht des Fachanwenders ist meist, dass er nur einen Prozess
durcharbeitet.
Als Analytiker sollte man den Fachanwender nicht mit IT-Philosophie
überfordern
und das Thema nicht unnötig breit treten, sondern ganz einfach
seine
Arbeit machen und den betrachteten Prozess nach den Notwendigkeiten der
IT in klar abgrenzbare Teile aufbrechen.
Beim Einzelprozess ist das sichtbare Ergebniss am leichtesten greifbar,
oder, wenn der Vorgängerprozess und dessen Ausgangsdaten bereits
bekannt sind, dessen Eingangsdaten. Die Erklärungen
von Fachanwendern, die nicht jahrelanges Training und Praxis in der
Strukturierung von Wissen haben, reichen in den seltensten Fällen
aus, um Funktionen oder Regelwerke zu definieren, die aus den
Eingabedaten
die gewünschten Ausgabedaten erzeugen. Insofern kann die
Geschäftsprozessanalyse als eine Art investigativer Prozess
begriffen werden, bei dem
aus den in der Theorie vollständig aber in der Praxis nur
teilweise
kommunizierten und bekannten Eingabedaten, Verabeitungsschritten und
Ausgabedaten ein vollständiges Bild rekonstruiert wird.
Letztendlich
ist es daher unvermeidbar, an allen drei Ansatzpunkten gleichzeitig zu
arbeiten, wobei als Grobrichtung zuerst die erzielten Ergebnisse
(Ausgabe),
dann ein Eingangsdaten und dann der Arbeitsprozess selbst meist die
einfachste
Reihenfolge darstellen. Auch wenn der zu betrachtende Einzelprozess,
z.B.
die Tätigkeit eines Fachanwenders, in weitere Teile zerlegt werden
muss, kann man sich an diese Regel halten und die eingehenden
Informationen
in den ersten und die ausgehenden Ergebnisse aus dem letzten
Teilschritt
zuerst betrachten.
Beispiel aus der Praxis
Im Rahmen eines Arbeitsprozesses wurde ein Anschreiben erzeugt. Der
Analytiker fragte beim Fachanwender nach, woher die
Anschrift käme. Der Fachanwender verwies auf einen Personalakt.
Die nächste Frage war, woher der Fachanwender wisse, dass genau
dieser Personalakt zu bearbeiten war. Der Fachanwender legte dann eine
mehrere Zentimeter dicke Druckliste mit einer fünfstellilgen Zahl
von zu bearbeitenden Personen vor, die ausgehakt wurde und die nebenbei
auch die Anschrift enthielt. Auf die Frage, woher die Liste käme,
bekam der Analytiker die Auskunft, dass diese aus einem Rechenzentrum
geliefert würde. Somit waren Teile der Eingangs- und Ausgangsdaten
geklärt. Gleichzeitig wurde ein verborgener Prozess offenbar,
denn irgendwie mussten ja die Daten auch ins Rechenzentrum gekommen
sein, um die Liste zu erzeugen. Ebenso wurde eine Ausnahme des
Prozesses aufgedeckt, nämlich der Umgang mit unterschiedlichen
Adressen auf
Liste und Personalakt, also Daten-Inkonsistenzen und deren Bereinigung.
Im konkreten Fall wurde auch geklärt was passiert, wenn der
Personalakt nicht gefunden wurde, der Prozess war für die
vorgesehene Umstellung auf Software jedoch nicht relevant.
Daten sind greifbarer als Prozesse, denn sie können explizit
betrachtet werden. Man kann soz. mit dem Finger drauf deuten und
fragen, woher eine bestimmte Information kommt bzw. was damit gemacht
wird. Das normale Ergebnis kann ein Fachanwender i.d.R. ebenso
ohne weiteres vorlegen, wie die dazu notwendigen normalen
Eingangsdaten. Der normale Weg dorthin, der zugehörige
Verarbeitungsprozess, kann meist auch noch recht zügig
nachvollzogen werden. Man sollte jedoch nicht von einem Fachanwender
erwarten, ohne weitere Rückfrage mehr als den normalen
Geradeausflug darzustellen. Hierzu gehört der Umgang mit
inkonsistenten und unvollständigen Daten sowie die Behandlung von bestimmten
Datenkombinationen bzw. Datenkonstellationen, die besondere
Maßnahmen erforderlich machen. Gerade hier ist
der Business Analyst gefragt.
Tücken der Istaufnahme
- bewegte Ziele
Von einem bewegten Ziel bzw. einem Moving Target spricht man in der
Informatik, wenn sich die Anforderungen an ein System verändern,
während das System noch gebaut wird. Moving Targets sind generell
als Projektrisiko zu klassifizieren.
Von einem Fachanwender kann ein IT-Spezialist
kein Verständnis dafür erwarten, dass sich eine Anforderung
nicht einfach so umsetzten lässt. Für die Betrachtung
der Komplexität gilt dasselbe: was dem Fachanwender simpel
erscheint, kann beim IT-Spezialisten zu Haarausfall führen. Anders
herum passiert dasselbe: ein Wunsch, den ein Fachanwender sich
wegen der scheinbaren Komplexität nicht zu äußern wagt,
kann ohne nennenswerten Aufwand realisiert werden. Etwas locker
formuliert ist das wie mit kleinen Kindern die vor Autos laufen, da sie
noch keine Vorstellung davon haben, dass ein Auto einen Bremsweg hat
und nicht in voller Fahrt sofort anhalten kann. Das Fehlverhalten hat
in
beiden Fällen gravierende Folgen.
Bei der Feststellung des Istzustands ist ein bewegtes Ziel jedoch
immerhin ein definiertes Ziel, denn man hat auch
auf der IT-Seite die Gewissheit, dass es existiert. Insofern ist
keine zu demotivierende Wirkung auf das Entwicklungsteam zu erwarten.
Mit einer u.U. deutlich verlängerten Analysephase muss jedoch
gerechnet werden, denn der Analytiker stellt ja nicht nur einen
vorhandenen Zustand fest sondern muss auch die möglichen
Veränderungen dieses Zustandes dokumentieren.
Wenn man mit beweglichen Zielen im Rahmen einer Istaufnahme zu tun hat,
ist folgende Frage vordringlich
zu klären: Handelt es sich lediglich um quantitative
Veränderungen, also um Veränderungen, die durch einen
Algorithmus erfasst werden können, oder um qualitative
Veränderungen, also Veränderungen, die eine Anpassung oder
Anpassungsfähigkeit des
Algorithmus notwendig machen?
Quantitative Veränderungen zeichnen sich
dadurch aus, dass die Veränderungen und deren Auswirkungen
langfristig und sicher prognostizierbar sind.
Beispiel aus der Praxis
Ein Auftraggeber wollte einen einheitlichen Produktkatalog für die
verschiedensten Produkte von einigen hundert Herstellern implementiert
sehen, der nach variablen Kriterien durchsucht werden sollte. Die
Istaufnahme der Produktpalette zeigte, dass die Palette von
Türgriffen bis zu Kühlschränken reichte, das
Mengengerüst ging von ca. einer halben Million verschiedenen
Produkten aus, die sich in einige Tausend Produktgruppen strukturieren
ließen. Bereits nach erster Sichtung war klar, dass sich die
Produkte einerseits nicht in ein standardisierbares Schema packen
ließen, andererseits jederzeit damit gerechnet werden musste,
dass
neue Produkte hinzu kommen. Eine laufende Änderung der Datenbank
und Software kam nicht in Frage. - Die Lösung hierfür liegt
auf der Hand: Der Anwender konnte am Ende selbst Produktgruppen und
hierzu suchbare numerische Merkmale (die später durch
Auswahllisten ergänzt werden sollten) definieren, wobei die
Merkmale Produktgruppen-abhängig Namen bekamen, die dynamisch auf
allen betroffenen Bildschirmformularen angezeigt wurden..
Qualitative Veränderungen zeichnen sich durch das Gegenteil aus,
weder sind sie prognostizierbar noch lassen sich Auswirkungen
festlegen. Hier ist der öffentliche Dienst besonders
anfällig, da Änderungen durch den Gesetzgeber ohne
Rücksicht auf die notwendigen Kosten für deren Umsetzung
stattfinden; die Steuergesetzgebung mag als Musterbeispiel dienen, die
ausführenden Finanzbeamten genießen meine Hochachtung.
Ebenfalls anfällig sind Vertriebsunterstützungssysteme, da
sich Marketingkampagnen und Rabattmodelle am Markt und am Ideenreichtum
einzelnen Leute orientieren, nicht an den Möglichkeiten
vorhandener Software.
Aufgenommen werden kann letztendlich nur eine Momentaufnahme, d.h. der
gerade gülitge Zustand. Aus ihrer Erfahrung heraus können
sehr viele Fachanwender aber wichtige Hinweise geben, auf welche Weise
und in welcher Geschwindigkeit sich die fraglichen Prozesse ändern
und welche Anpassungen notwendig sein können. Ein Studium der
Historie vergangener Bewegungen lohnt sich so gut wie immer.
Exkurs - Kleine Katastrophen
bei der Istaufnahme
Das Ergebnis einer Istaufnahme entspricht etwa einem Kochrezept. Neben
den Zutaten wird auch die Verarbeitung der Zutaten dargestellt. Fehlen
wesentliche Zutaten, so ist die Enttäuschung groß; ich
erinnere mich mit Grausen an meinen ersten Versuch, Dampfnudeln zu
machen, und zwar ohne Hefe! Dasselbe gilt für falsche
Verarbeitung, verkohlt schmeckt gar nichts und manche Dinge essen sich
gekocht besser als roh.
Beispiele aus der Praxis
Für eine Bibliothek sollte eine Katalogsoftware gekauft werden.
Vier Versuche waren bereits gescheitert, d.h. die begutachteten
Produkte waren durchgefallen. Tatsächlich gab es jedoch weder eine
Beschreibung der Geschäftsprozesse in
der Bibliothek noch einen verbindlichen Anforderungskatalog für
das gesuchte Produkt.
Eine alte Software, die auf einer vorhandenen Datenbank aufsetzte,
sollte neu programmiert werden. Das alte Produkt war bereits auf Zuruf
entstanden. Zwar war bekannt, dass die alte Software unvollständig
und fehlerhaft war und inhaltlich komplett überarbeitet
gehörte, jedoch bestand die einzige Anforderung in einem
mündlichen "eins zu eins abbilden". Derselbe Auftraggeber
formulierte auf identische Weise die Forderung, eine Clipper-Anwendung
als Webanwendung zu
realisieren.
Mitte der achtziger Jahre war mein Personalausweis und mein Reisepass
abgelaufen. In der Meldebehörde mussten die identischen Daten
für beide Dokumente zwei Mal erfasst werden.
Ich fragte den Sachbearbeiter, ob er nicht einen Knopf hätte, mit
dem er die Daten dublizieren könne o.ä. Er schüttelte
nur den Kopf und erklärte leicht säuerlich: "Meinen Sie,
irgendwer
hätte mich gefragt?"
Für eine kleine Software, die Auszahlungen für bestimmte
freiberufliche Mitarbeiter erledigen sollte, wurde eine Istaufnahme
gemacht. Betrachtet wurde dabei ein vorhandenes nicht dokumentiertes
Altsystem und mit dem Kunden wurden die Zahlungsprozesse mehrfach
durchgespielt. Die Spezifikation wurde vom Kunden abgenommen und das
Produkt wurde realisert. Schon beim ersten Auszahlungslauf traten
Probleme auf. Beim Verwendungszweck der generierten Überweisungen,
der als für alle Auszahlungen identisch spezifiziert und
abgenommen worden war, wurde reklamiert, dass es eine Ausnahme
gäbe. Darauf hingewiesen, dass die Spezifikation abgenommen worden
war, erklärte der Fachanwender, dass er sie nicht so genau gelesen
hätte. Außerdem könne ja eine Ausnahme nicht so schlimm
sein und es müsse doch ganz einfach sein, dies zu beheben. Die
IT-Kompetenz des Fachanwenders reichte nicht aus um zu verstehen, dass
es sich um einen konzeptionellen Fehler handelte, der sich im Rahmen
der technischen Realisierung bereits auf Ebene der Datenbank auswirkte
und der sich durch die gesamte Anwendung zog.
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© Karl Scharbert